Kalarippayat – Herkunft und Tradition

Viele Geschichten und Mythen ranken sich um die uralte Kampfkunst Kalarippayat, die Herkunft und Entstehung liegen jedoch bis heute im Verborgenen. Verfolgt man die geschichtlichen Pfade, so reichen diese bis weit vor Beginn unserer Zeitrechnung zurĂĽck.
Die Begründer, die namentlich genannt werden, sind oft reinkarnierte Götter und Heilige, welche die Kampfkunst an auserwählte Schüler weitergaben.
Gründe für die Wissensübermittlung waren entstandene Ungleich-gewichte in der Welt, sichtbar als Naturkatastrophen, Kriege oder göttliche Fehden. Normal Sterbliche sollten durch die Kampfkunst befähigt werden, Gleichgewicht und Frieden wieder herzustellen.

Tatsache ist, dass der Kampfinstinkt, verbunden mit dem Überlebenstrieb und dem Trieb der Fortpflanzung, zu den archaischen Trieben des Menschen gehört, welche bis heute das Leben und Handeln der Menschheit bestimmen.
Die auf dem indischen Kontinent lebenden Hochkulturen schufen frĂĽh allgemeingĂĽltige Systeme und Kampfkonzepte, welche auf Erfahrung und Beobachtung basierten. Ăśber Jahrhunderte reiften so KampfkĂĽnste, die von Generation zu Generation ĂĽbermittelt wurden. Diese wurden dann vor etwa Hundert Jahren unter dem Namen Kalarippayat zusammengefasst.
Der Name ist zusammengesetzt aus den Worten “Kalari” für “Platz” oder “Ort”, “Ort der Übung”, sowie “Payattu” für “Kampftraining” und bedeutet einfach “Kampfplatztraining”.
Unter Kalarippayat gliedern sich heute drei Hauptstile, deren Bezeichnungen “Südlich”, “Nördlich” und “Zentral”, eine geographische Zuordnung sind. Diese drei Stile unterscheiden sich dabei nicht nur in Herkunft und Geschichte, sondern auch in Bewegung und Konzept.

In Schriftform ist leider nur sehr wenig über die Geschichte des Kalarippayat überliefert, da der traditionelle Weg der Überlieferung über die “Orale Mnemo-Technik” erfolgte. So kann man zwar in den Puranas, den alten hinduistischen Geschichtstexten, etwas über Kriegs- und Kampfkunst lesen. Diese sind aber auch nur Aufzeichnungen mündlicher Rezitationen, bei denen das genaue Alter nicht feststellbar ist. Als ursprüngliche Quelle der Kriegskunst gilt der Gott Shiva, der im Hinduismus als die Manifestation des Höchsten gilt. Er ist Teil der hinduistischen Trinität (Brahma, Vishnu, Shiva). Shiva trägt unzählige Namen, welche immer wieder andere Attribute ausdrücken. In verschiedenen Epochen hat Shiva sein Wissen der Kampfkunst an verschiedene göttliche Reinkarnationen und heilige Männer weitergegeben.
Parashurama als Inkarnation Vishnus, tritt als Erschaffer des Landes Kerala besonders in Erscheinung. Ebenso der Rishi Agastya, einer der sieben weisen Seher, die das altvedische Wissen empfangen haben. Agastya gilt v.a. als der Weise, der das Wissen der Kampfkunst, wie auch das Heilwissen des Ayurveda empfangen hat. Agastya und Parashurama gaben in unterschiedlichen Epochen ihr Wissen an die auserwählten Schüler weiter, welche wiederum ihr Wissen teilten, so dass es bis in die heutige Zeit überdauert hat. Die Religionszugehörigkeit spielte dabei keine Rolle.
Kampfkunst ging auch immer Hand in Hand mit der Heilkunst.

Eine Schrift, welche einen Einblick in die Kriegskunst alter Zeiten gewährt und immer noch aktuell ist, ist die Dhanurveda, eine vedische Abhandlung über die Kriegskunst mit dem Schwerpunkt auf dem Bogenschützen und seiner Waffe, dem Bogen.
Als ein weiterer Träger und Übermittler der Kampfkunst Kalarippayat sei der indische Mönch Bodhidharma erwähnt, der um 480 n. Chr. Südindien verließ, um seine Lehre des Buddhismus zu verbreiten. Die Legende sagt, dass er den Grundstein für das Shaolin Kung Fu legte, als er im Shaolinkloster in China seine aus Indien mitgebrachten Körper- und Meditationsübungen an die Mönche weitergab.
Dank der WissensĂĽbermittlung in den alten Kriegerfamilien, konnte das Wissen bis in unsere heutige Zeit getragen werden.
Dort, wo sich in Kerala Kalarippayat gefestigt und heute wieder etabliert hat, leben noch die letzten Meister dieser uralten Kampfkunst.
Durch die Restriktionen der englischen Kolonialherren hat die Kampfkunst zwar eingebĂĽĂźt, ein bedeutender Teil konnte jedoch gerettet werden.
Was die Kampfkunst gerade heute so einzigartig macht ist nicht nur ihre vielfältige Anwendbarkeit, sondern das Zusammenwirken von Kampf- und Heilkunst, einschließlich der speziellen Ernährungsweise für Krieger.
Die Meister der Kampfkunst haben sich schon vor zwei Generationen, hauptsächlich Interessierten aus dem Westen geöffnet um ihr Wissen auch mit “Nicht-Kriegern” zu teilen, unabhängig vom kulturellen Hintergrund, Alter und Geschlecht.
Voraussetzungen sind allein eine nötige Ernsthaftigkeit, Respekt und Toleranz.
Heute nutzen nicht nur Kampfkünstler dieses breit gefächerte Wissen, sondern auch Tänzer, Schauspieler, Sportler anderer Disziplinen und Therapeuten, welche das Heilsystem/Heillehre oder die Bewegungskunst zu therapeutische Zwecke anwenden.
Kalarippayat ist in unserer modernen Gesellschaft universell einsetzbar und hilft dem Menschen,das Gleichgewicht auf jeglichen Ebenen zu finden und wieder herzustellen.